FROH! Herausgeber Dirk Brall wartet auf Millionenbestseller-Autor Anselm Grün. Sie sind für ein Interview verabredet, das in der Ausgabe LUXUS erscheinen wird. Dann fährt ein alter Golf vor …
Ein Abend mit Anselm Grün
Ein Herbstabend in Mülheim. Ich habe mich mit Pater Anselm Grün verabredet. Gleich wird er in einer evangelischen Kirche sprechen. Der Veranstalter wartet, erste Gäste treffen ein. Ich komme aus einem hektischen Tag, bin gerade noch einmal die Fragen durchgegangen und hoffe, die richtigen Sätze zu finden. Wer mit einem Mönch spricht, denke ich, der sollte auf seine Worte achten. Ein Mönch, der viel schweigt, wird bestimmt Acht geben, was man wie sagt.
Als ich aus der Tür herausschaue, sehe ich einen älteren Golf vorfahren. Und wenig später steht Pater Anselm Grün vor mir. Er schüttelt den Menschen die Hand, sagt leise Guten Abend, nickt, lächelt, ist kleiner als man denkt. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller, mit mehr als 16 Millionen verkauften Büchern. Sein grauer Bart, sein dunkler Habit und seine Zurückhaltung lassen alle Gedankensorgen weichen. Wir werden in den Jugendraum der Gemeinde geführt. Wasserfarbengemälde, Holzwände, alte Plüschsofas. Er bestellt einen Cappuccino, wie er es immer tut. Uns werden Kuchenstücke serviert. Er erzählt, dass ihm gerade ein Navigationsgerät gewährt wurde. Und lächelt sanft. Das Tempo meines Tages läuft ins Leere. Jetzt ist Zeit. In diesem Moment.
Ich schalte das Aufnahmegerät ein und stelle die erste Frage. Er wartet ab. Ich höre meinen eigenen Worten nach. Er schaut mich mit kleinen, ruhigen Augen an. Ich sehe rasch in meine Unterlagen. Dann antwortet er, in wenigen Sätzen, fast wie geschrieben. Ich freue mich, denn dieses Interview werde ich kaum bearbeiten müssen. Doch was ich nicht ahne, ist, dass all die Pausen und die konzentrierten Sätze nur kurze Antworten ergeben werden. Dass all das Schweigen trotz bestem Art-Direktor nur schwer zu zeigen sein wird.
Wir reden über die wichtigen Dinge des Lebens, die sich oft in Kleinigkeiten des Alltags ausdrücken: Warum stehe ich morgens auf? Was ist die Motivation für mein Tun? Mit wem teile ich mein Leben? Woher bekomme ich meine Kleidung? Wie viel Geld steht mir zur Verfügung? Was schenke ich zu Weihnachten und was bekomme ich geschenkt?
Was mich wundert und gleichzeitig freut, ist, dass Pater Anselm Grün die ganze Zeit Mensch bleibt. Er überhöht und erniedrigt nicht. Er distanziert sich von Dingen, die es nicht wert sind. Aber nie vom Menschsein. Er hält die Balance, schlägt sich nicht auf irgendeine Seite. Man kann ihn nicht provozieren, weil man sich damit nur selbst bloßstellen würde. Viel lieber will ich verstehen. Und weiß doch bald, dass ich es nicht allein durch das Gespräch tun werde, sondern nur wenn ich es selbst erlebe.
Als ich das Aufnahmegerät ausschalte, fragt er, was ich denn mache. Er öffnet das Gespräch und hört zu, ohne zu kommentieren. Er wird zum Fragenden, sieht mich an, auf Augenhöhe, und wird nicht unruhig, obwohl es nur noch wenige Minuten bis zu seinem Vortrag sind.
Das Gespräch ist nachzulesen in der aktuellen FROH! (#7, LUXUS).