Alex Koch erzählt, wie er über die H-Milch zur Schmecktologie fand und über die Flügeldecken eines Käfers zur Natur. Und was die eine Liebe mit der anderen Liebe zu tun hat. Eine Einladung zum Schwelgen, bevor am Mittwoch die Fastenzeit beginnt.
Der Schmecktologe packt aus
Ich war noch klein und habe Milch getrunken. Irgendwann hat meine Mutter von H- auf Frischmilch umgestellt. Das hat mir nicht geschmeckt. Ich war die H-Milch gewohnt und so war sie die Referenz. Irgendwann fand ich schließlich doch die Frischmilch besser. Gab ja nichts anderes, man gewöhnt sich dran und wenn genügend Zeit verstreicht, passiert es en passent, dass man neue geschmackliche Qualitäten erkennt. Später – meine Eltern tranken als morgendliches und tagsüberes Genussmittel nur Kaffee – fand ich zum Tee. Vielleicht eine Gegenreaktion auf das, was die Eltern gemacht haben, vielleicht auch die Attraktion des Feineren und der größeren Auswahl. Ich wusste noch nicht, dass Kaffee eine vergleichbare Auswahl bietet. Mit matenoMark besuchte ich wöchentlich unseren local Teedealer. Wir wurden wahre Teeenthusiasten, und das nicht nur, weil drei e hintereinander in einem Wort gut aussehen. Wir verglichen die Geschmäcker von Hojicha, Ding Gu Da Fang, Kwai Flower und Gyokuro und waren gleichzeitig fasziniert von der Einfachheit und Natürlichkeit des Produkts. Durch unsere Kannen rauschten nach und nach ungelogene Kubikmeter des Getränks und unsere Zungen gierten nach Details.
Irgendwann war ich mit einer Freundin auf einer Weinverkostung am Bodensee. Das war nicht das erste Mal, dass ich Wein trank, aber hier hat es gefunkt. Mein plötzliches neues Lieblingsgetränk: Wein. Wein verstand ich als Tee x Power + Mysterium. Und bei mir ist es so, dass wenn es mal funkt, ich alles über das funkelnde Funkende wissen möchte. Ab da trank ich alles, was ich unter die Finger bekam, ich wälzte dicke und dünne Bücher, versuchte den Nebel zu lichten und war alleine damit. Auch wenn ich sogar eine zeitlang für einen Weinversand gearbeitet habe und da fast das gesamte Sortiment durchprobierte, reichte es mir noch lange nicht. Was macht wirklich einen Sauvignon Blanc aus? Was unterscheidet einen Pinot Noir aus dem Burgund von einem aus Baden? Was sind typische Rebsorten in bestimmten Gebieten? Ist Bordeaux wirklich gut? Tausende von Fragen, aber die wichtigste von allen war: Wie soll ich das alles und noch viel mehr so schnell wie möglich rausfinden, ohne zu tausend Fragen zehntausend Flaschen kaufen zu müssen? Ich gebar die Schmecktologie. Mit mir als dem Schmecktologen. Die Schmecktologie sollte mein Weinalleinsein auflösen. Ich wollte eine Gruppe von Leuten, die jeweils zu einem bestimmten Thema zusammen mit mir Weine verkostet und jeder Teilnehmer sollte dazu mindestens eine Flasche Wein mitbringen. Ich wollte meine Erkenntnisse beschleunigen. Das Format besteht jetzt seit Jahren, macht Spaß und ergänzt die unzähligen Weine, die mein Körper außerdem noch verarbeiten muss. Der Name (oder Titel?) Schmecktologe hat sich bei mir etabliert und wird von mir auch auf anderen Veranstaltungen, bei denen ich mit Wein zu tun habe, geführt. Das schönste am Wein ist, dass der Erkenntnisgewinn nie aufhört, egal wie viel oder wenig man schon weiß und verkostet hat. Naja, das allerschönste ist vielleicht doch der Genuss.
Eine ganz andere Linie in meinem Leben ist kontinuierliche Naturverbundenheit und -wahrnehmung. Spätestens wenn man einmal die zarten Riefen und Strukturen auf den Flügeldecken (Elytren) eines Käfer unter einem Binokular betrachtet hat, entsteht eine Liebe zur Biologie. Oh ja, ich kann mich noch gut an die Freudenschreie erinnern, mit denen ich die edelsteinähnlichen Verzierungen der Elytren von Elaphrus cupreus (kleiner Uferläufer) kommentiert habe. Und Stechmücken sind nun mal zum Stechen da, das muss man so akzeptieren. Wenn sie es tun, ist es gut so. Blätter und Blüten haben eine Reinheit und Ordnung, dass es einem die Tränen in die und aus den Augen treibt. Die stille andauernde Reorganisation und –gulation in der Ökologie drückt sich mit einer Kraft durch die Jahrhunderte wie ein Lavastrom den Böschungswinkel des dazugehörigen Vulkans hinab. Wer da nicht ehrfürchtig wird, ist selber dran schuld.
Die Kombination von Wein und Biologie ist Biowein (wobei dieser Terminus bis zur diesjährigen Lese per Gesetz noch nicht gebräuchlich ist, aber dazu später mehr). So einfach ist das. Und um Bio bzw. um das Erleben von Geschmack geht es in einer losen Serie, die mit diesem Beitrag gestartet ist. Oder heißt es gestartet hat?
Der Wahrheit halber muss gesagt werden, dass ich nicht ausschließlich Biowein trinke. Mir würde mancher Stern entgehen. Von Winzern, die, sagen wir mal, noch nicht umgestellt haben. Aber in Zukunft kehren wir das mal einfach unter den Teppich und fokussieren uns auf Bio.