Gott der Töpfe und Pfannen

Mein Leben ist gerade aus den Fugen geraten. Es fühlt sich in etwa so an, als sei ich bei voller Fahrt mit dem Fahrrad gegen einen zu hohen Bordstein geprallt. Irgendwer hat wohl die Stopptaste gedrückt. Seit ein paar Wochen ist meine Frau krank. Die Doktoren sagen, das wird wieder, aber für den Moment ist sie ausgeschaltet. Diese Tatsache überlässt mir also plötzlich Kinder, Küche und Katze.

Nicht dass das nun Neuland für mich wäre. Schon seit Jahren versuchen wir alles, was so in einer Familie anfällt, gemeinsam zu bewältigen. Aber jetzt hat die Sache dann schon ein ganz anderes Ausmaß und es bleiben auch die ungeliebten Dinge an mir hängen, die ich sonst an meine bessere Hälfte delegiere. So bleibt neben Familie und Haushalt kaum noch Zeit für das Nötigste. Das Nötigste hat dieser Tage ganz verschiedene Gesichter. Mein Emailkonto läuft über, auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel mit Rechnungen, die dringend mal überwiesen werden sollten, und manche Deadline habe ich todesmutig überschritten (übrigens ohne dabei zu sterben).

Doch auch die weicheren, persönlichen Notwendigkeiten bleiben auf der Strecke. Seit ein paar Jahren betreibe ich zum Beispiel regelmäßig Kontemplation, in Anlehnung an die alten, mystischen Gebetsformen der Wüstenväter. Dabei geht es darum zu lernen, ganz leer zu werden. Man trainiert sich darin, einfach zu sein, losgelöst vom Gedanken- und Gefühlskarussell, das wir normalerweise mit uns gleichsetzen. Das hat im Grunde eine Menge mit Meditationen gemein, wie sie z.B. im Buddhismus gelehrt werden. Der große Unterschied bei der Kontemplation ist jedoch, dass man ein Gegenüber hat. Es geht nicht einfach darum, sich in sich selbst zu versenken, sondern in dieser Leere bewusst vor Gott zu sein. Für einen Macher wie mich ist das wohl die höchste Form von Gebet, das höchste Opfer, das ich bringen kann: Nichtstun. Morgens, bevor der Tag losgeht, jede Aktivität niederlegen, einfach mal den Mund halten und in die Ewigkeit blicken. Das tut mir gut, und es hilft mir, für den Rest vom Tag eine gute Perspektive zu bekommen. Es rückt die Dinge zurecht und gibt ihnen ihren Platz. Es erdet mich sozusagen im Himmel.

Trotzdem habe ich es in den letzten Wochen nicht geschafft, die Zeit dafür zu finden. Oftmals versuche ich nachts noch zu arbeiten und bin dann morgens zu geschafft, um noch früher aufzustehen als ich es schon muss. So bleibt mir nichts als Gott in meinem Alltag zu suchen. Zwischen den Zeilen, im Subtext. Kann Windelnwechseln eine spirituelle Handlung sein? Jesus hat mal gesagt: Was ihr einem dieser Kleinen getan habt, das habt ihr mir getan. Wenn ich das mit vier Kindern wörtlich nehme, dann bete ich gerade wohl sehr viel. Aber ich scheine auch nicht der einzige zu sein, der mit dieser Frage kämpft. Theresa von Avila, die große Mystikerin und Meisterin des kontemplativen Gebets, hat wohl auch schon einmal Gott inmitten ihres dreckigen Geschirrs gesucht und gefunden, wie dieses überlieferte Gebet von ihr beschreibt:

Herr der Töpfe und Pfannen, ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein und dir zu Wohlgefallen in der Nacht zu wachen … Mache mich zu einer Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche. Nimm an meine rauen Hände, weil sie für Dich rau geworden sind. Kannst Du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen, der himmlische Harmonien hervorbringt auf einer Pfanne? Sie ist so schwer zu reinigen, und ach, so abscheulich. Hörst Du, lieber Herr, die Musik, die ich meine? Die Stunde des Gebetes ist vorbei, bis ich mein Geschirr vom Abendessen gespült habe, und dann bin ich sehr müde. Wenn mein Herz noch am Morgen bei der Arbeit gesungen hat, ist es am Abend schon längst vor mir zu Bett gegangen. Schenke mir Dein unermüdliches Herz, dass es in mir arbeite statt des meinen … Herr der Töpfe und Pfannen, bitte darf ich Dir anstatt gewonnener Seelen die Ermüdung anbieten, die mich ankommt beim Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen?

Mir haben diese Zeilen gut getan. Denn so weiß ich, ich bin nicht allein. Es gab schon viele vor mir in ähnlichen Situationen und sie wurden alle getragen. Auch wenn sie das meist erst hinterher erkannten.

2 Kommentare zu “Gott der Töpfe und Pfannen”

  1. Damaris

    Danke für diesen Text mit guten Gedanken für den ganz normalen Alltag!

  2. Thomas

    Ich war überrascht: das Gebet habe ich nicht nur “gut gefunden”, es hast etwas in mir angerührt: darf ich dir meine Ermüdung anbieten… – angesichts von Kochtöpfen, einem pubertierenden Sohn, Terminflut. Auch mir hat der Text gut getan.Danke

Kommentar abgeben

Protected by WP Anti Spam